Windiges aus der deutschen Luftfahrt (II)

von Gerd Kaiser

„Das Blättchen“, Probeheft, 21. 12. 1997

 

 

Im Einfamilienhaus der Familie von Hammerstein, im Berliner Stadtteil Dahlem-Dorf, steht seit Jahrzehnten eine handgeschliffene Karaffe; noch immer birgt sie ein wenig vom Original-Kognak. Die Flasche und der edle Tropfen stammen aus dem Weinkeller der Zarenfamilie.

Das museale Stück überreichte in der zweiten Hälfte der zwanziger Jahre der sowjetische Volkskommissar für Verteidigung, Kliment Voroschilow, dem damaligen Chef der Heeresleitung der Reichswehr, Kurt von Hammerstein-Equord - nach erfolgreichen Verhandlungen als Zeichen der Verbundenheit unter Waffenbrüdern, die in der Öffentlichkeit als Feinde zu gelten hatten.

 

1929 drang von diesem geheimen Bündnis etwas in die Öffentlichkeit. Der Artikel Windiges aus der deutschen Luftfahrt (Die Weltbühne, 1929, Nr.11 vom 12. März) von Heinz Jäger alias Walter Kreiser brachte der Zeitschrift Weltruhm und ihren Herausgeber, Carl von Ossietzky, drei Jahre später ins Gefängnis. Kreiser hatte einen deutschen Verstoß gegen die Auflagen des Versailler Vertrages enthüllt. Die Lufthansa betrieb nach seinen Recherchen eine Küstenflugabteilung, und auf dem Flugplatz Johannisthal-Adlershof gab es in der Deutschen Versuchsanstalt für Luftfahrt die besondere Gruppe M wie Militär. Nach einer Anfrage eines sozialistischen Abgeordneten im Reichstag wurde letztere umbenannt in Erprobungsabteilung Albatros. Der Beitrag endet mit dem kryptischen Satz: „Aber nicht. alle Flugzeuge sind immer in Deutschland...“

 

Kreisers Artikel warf seinen Schlagschatten bis nach Moskau. Doch erst heute, nach Kenntnis der bis dato geheimen Dokumente, wird die ganze Brisanz deutlich und damit erklärbar, warum die deutsche Justiz so scharf reagierte.

In der zweiten Jahreshälfte 1929 beriet im Kreml das Politbüro des ZK der Komrnunistischen Partei Rußlands (Bolschewiki) über die Beziehungen zur Reichswehr Unter Punkt 1a des Beschlußprotokolls ist zu lesen, daß man von der deutschen Seile "die Verstärkung der Konspiration in der Zusammenarbeit zwischen den beiden Heeren sowie Garantien (verlangte), daß fürderhin keine wie auch immer gearteten Informationen veröffentlicht werden, die diese Zusammenarbeit betreffen. Selbst wenn man in Berlin nicht die Absicht gehabt hatte, an dem verhaßten Ossietzky ein Exempel zur Abschreckung von Nachahmern zu statuieren - jetzt war rnan geradezu verpflichtet.

 

Stalin war trotz der Panne bereit, die Beziehungen zur Reichswehr zu intensivieren. Auf derselben Sitzung beschossen er und die Seinen, bei den Deutschen darauf zu insistieren, daß die von der Reichswehr gepachteten Kasernen in Lipezk, Kasan und Tomka mit modernster Technik (den neuesten Entwicklungen an Panzern, Flugzeugen und chemischen Kampfstoffen) auszustatten seien. Außerdem forderte man, „die Einrichtung wissenschaftlich-technischer Forschungszentren mit Produktionsabteilungen und Laboratorien, in die unsere wissenschaftlich-technischen Mitarbeiter einzugliedern sind.“


 

Einige Monate zuvor, am 24. Dezember 1928, hatte Jan Bersin, als Chef der IV. Verwaltung, zuständig für die militärstrategische Aufklärung des Stabes der Roten Arbeiter-und-Bauern-Armee ( RKKA), Vortrag gehalten: "Über die Zusammenarbeit der  RKKA mit der Reichswehr“ Er bezog sich darin auch auf die Vorgeschichte der durch KarI Radek Anfang der zwanziger Jahre angebahnte und von Leo Trotzki durch die Lieferung von Goldbarren für Rüstungsmaterial geschmierte Zusammenarbeit zwischen Reichswehr und Roter Armee.

 

Aber er verschwieg auch nicht die finanziellen Verluste der deutschen Seite, die durch Machenschaften des Flugzeugunternehmers Junkers und des Chemieunternehmens Stolzenberg entstanden waren. Zugleich warnte er vor der durch die Reichswehrführung angestrebten Dominanz in der sowjetischen Luftfahrtindustrie und in den Luftstreitkräften der UdSSR.

 

Trotz dieser Mißlichkeiten benannte er wichtige und beiderseitig ertragreiche Felder einer weiteren Zusammenarbeit. Dabei ging es um weit mehr als nur um die Luftwaffe, über die Heinz Kreiser in der Weltbühne etwas angedeutet hatte:

 

Am wichtigsten war die gegenseitige Ausbildung von Generalstabsoffizieren. 1926 reisten die sowjetischen Militärs Swetschniko und Krasilnikow als erste zur Ausbildung nach Deutschland. Sie selbst lehrten an der Frunse-Militärakademie des Generalstabs, an der auch deutsche Führungskräfte unterrichteten, u. a. Friedrich Paulus, der spätere Befehlshaber der 6. Armee, die im Februar 1943 bei Stalingrad kapitulieren mußte. Umgekehrt erfolgte an der Akademie der sowjetischen Luftstreitkräfte die Generalstabsausbildung deutscher Offiziere in speziellen Lehrgängen; einer der Teilnehmer war der spätere Begründer der Fallschirmjägertruppen, Kurt Student.

 

Als weiteren wichtigen Punkt nannte Bersin die gegenseitige Unterrichtung über militärische Führungsgrundsätze und strategische Planungen sowie die gegenseitige Teilnahme an Manövern und die kurzzeitige Abkommandierung von hohen Kommandeuren der Bereiche Artillerie, Sanitätsdienst usw. zum gegenseitigen Kennenlernen und Erfahrungsaustausch. Als nicht minder wichtig galt der Austausch strategischer Informationen der militärischen Aufklärungsdienste, vor allem über den gemeinsamen Feind Polen, jedoch auch über die Tschechoslowakei und Rumänien.

 

Gut funktionierte die Zusammenarbeit ebenfalls auf dem Gebiet der chemischen Kriegführung – das von beiden Armeen betriebene Objekt in Podosiniki, auf dessen Gelände unter anderem der Abwurf von Bomben und das Schießen mit Gasgranaten geübt wurden, trug die Tarnbezeichnung Tomka.

 

Der Aufwand für diese Kriegsspiele war immens. Allein die Einrichtung und der Unterhalt der gemeinsamen Panzerschule und Panzererprobungsstätte bei Kasan, Tarnbezeichnung Kama kostete über eine halbe Million Mark. Die Fliegerschule in Lipezk, die Bersin als wichtiges Projekt nannte und über die am 15. April 1925 ein Protokoll in Moskau unterzeichnet worden war, verschlang über eine Million.

 

Die Vorschläge der Reichswehrführung und der Führung der Roten Armee zielten darauf ab, Kama mit neuesten Modellen mittlerer und schwerer Panzer auszustatten, die Kampfgasausbildung in Tomka auszuweiten, neueste Methoden der Funktechnik unter anderem für die Führung von Panzern oder Luftoperationen zu erproben und bei der Konstruktion neuer Rüstungsgüter, für die Artillerie, die Luftrüstung und die U-Boot-Waffe, enger zusammenzuarbeiten. Man plante gemeinsame Konstruktionsbüros und den Austausch von Ingenieuren.

 

Von all dem war bei Kreiser nicht die Rede, schon gar nicht von den hohen und höchsten Entscheidungsträgern in Politik, Diplomatie und Militär in Deutschland als auch in der Sowjetunion, die auf die militär- und rüstungspolitische Zusammenarbeit zwischen der Reichswehr und der Roten Arbeiter- und Bauern-Armee setzten.

 

Nach dem 30. Januar 1933 lockerten sich erst einmal die engen und zum Teil herzlichen Beziehungen zwischen den Freunden – wie die Militärs sich im geheimen Schrift- und Funkverkehr sowie bei Begegnungen bezeichneten. Zunehmend wurde das Wort Freunde in Anführungszeichen gesetzt. Ungeachtet dessen gab es aber zahlreiche demonstrative und versteckte Äußerungen von deutscher wie von sowjetischer Seite, daß die „bewährte Zusammenarbeit“ im militärischen und im Rüstungsbereich fortgesetzt werden sollte.

 

Im Mai 1933 erwiderte der Chef Heeresrüstung der Reichswehr, General Bokkelberg, den Besuch Michail Tuchatschewskis, der unter dem Decknamen Iwanow mit zahlreichen weiteren hohen Militärs an den großen Herbstmanövern der Reichswehr im Raum Frankfurt/Oder teilgenommen hatte. Der deutsche General kam nach den Gesprächen in Moskau zu dem Schluß, daß „die Zusammenarbeit mit der Roten Armee und mit der sowjetischen Rüstungsindustrie, angesichts der grandiosen sowjetischen Leistungen, nicht nur aus militärpolitischen, sondern auch aus militärtechnischen Gründen äußerst wünschenswert“ sei. Sein Partner auf sowjetischer Seite, Uborewitsch, äußerte sich ähnlich.

 

Als im November 1933 der neuernannte deutsche Botschafter Nadolny seine Arbeit in Moskau aufnahm, erklärte er seinem Gesprächspartner Krestinski, daß zwar die Regierungssysteme wandelbar seien, kleinere oder größere Mißverständnisse auftreten könnten, „das Fundament, das feste Bindungen zwischen Deutschland und Sowjetunion verlange, jedoch unerschütterlich sei und den Sieg davontragen“ werde.

 

Die tatsächlichen Beziehungen wurden zwischen Herbst 1933 und Sommer 1939 allerdings auf Sparflamme gehalten. Das äußerte sich 1939, als das acht Jahre zuvor durch Michail Tuchatschewski entworfene Szenarium einer deutsch-sowjetischen Waffenbrüderschaft, im Kampf gegen Polen, blutige Wirklichkeit wurde. Tuchatschewski hatte 1932 in einem gemeinsamen Manöver die vierte Teilung Polens zwischen Deutschland und der Sowjetunion beim gemeinsamen Kriegsspiel proben lassen.

 

Allerdings erlebte die der einstige Stabschef der Roten Armee nicht mehr. Er war inzwischen eines der 36761 Opfer des „großen Terrors“ geworden, durch den fast die gesamte Führung der Roten Armee vernichtet worden war. – Zwischen Oktober 1939 und Juni 1941 hielten sich Dutzende sowjetischer Flugzeugkonstrukteure und Militärs in Deutschland auf. Allein General Iwan Petrow besichtigte, seinen unveröffentlichten Erinnerungen zufolge, mit seinen engsten Mitarbeitern insgesamt über 219 Flugzeugwerke bzw. Anlagen der deutschen Luftkriegsführung, darunter die modernsten Betriebe der Firmen Fokke-Wulff, Heinckel, Henschel, Junckers, Messerschmitt sowie BMW, Bosch, Siemens & Halske und Zeiß.

 

Die sowjetischen Militärs machten sich mit den neuesten Technologien vertraut und kauften die modernsten Prototypen – Flugzeuge, Motore und weitere Rüstungsgüter. Über seine Einschätzung des Zustandes der Luftwaffe und die Gespräche z. B. mit Ernst Udet ließ sich Josef Stalin detailliert und direkt unterrichten. Die Zusammenarbeit war wie eh und je Chefsache.

 

Während es Krieges zwischen Nazi-Deutschland und der Sowjetunion standen sich zum Teil jene Militärs gegenüber, die Ende der zwanziger und Anfang der dreißiger Jahre gemeinsam ausgebildet worden waren, wie beispielsweise die späteren Marschälle Model Merezkow und Walter von Brauchitsch, die Generäle Kretschmar und Hoth.

 

Nach dem Krieg sammelte die sowjetische Beutekommission in ihrer Besatzungszone die Ausrüstungen ganzer Flugzeugwerke einschließlich der Konstrukteure und Ingenieure ein und verpflanzte sie in die UdSSR.

 

Deutsche Soldaten aus der DDR folgten bald. Die erste Ausbildungseinrichtung für die neuen deutschen Waffenbrüder in der UdSSR, nach dem Vorbild der Schule in Lipezk organisiert, nahm im Herbst 1952 ihre Tätigkeit in Sysran an der Wolga auf. Die 255 Absolventen, die die Prüfungen bestanden, bildeten den Stamm der entstehenden KVP Luft, dem Vorläufer der Luftstreitkräfte der NVA.