sueddeutsche.de Feuilleton
Drucken 20.06.2003

Wild, listig, exotisch

Der Osten wird Europa total umkrempeln / Von Andrzej Stasiuk

 

Albaner, Bosnier, Bulgaren, Esten, Kroaten, Letten, Litauer, Makedonier, Moldauer, Montenegriner, Polen, Rumänen, Serben, Slowaken, Slowenen, Tschechen, Ukrainer, Ungarn, Weißrussen – so etwa kann man die Landkarte des Territoriums von zweihundert Millionen zukünftigen Europäern beschreiben. Damit es nicht zu einfach aussieht, fügen wir den „Gürtel der gemischten Bevölkerung“ hinzu – so nannte Hannah Arendt die uneinheitlichen, amorphen Gebiete irgendwo zwischen Deutschland und Russland –, also hier und da verstreute Häufchen von Deutschen und Russen, fügen wir, zum Beispiel, die Gagausen und Aromunen hinzu, die umtriebigen, internationalen Zigeuner, die Krimtataren und die Türken, die nicht rechtzeitig in ihre unerwartet geschrumpfte Heimat am Bosporus zurückkamen.


Ja, zweihundert Millionen neue Europäer – das ist eine echte Herausforderung. Das ist dazu angetan, den Schlaf zu rauben, Angst, aber auch Freude hervorzurufen, denn die Ereignisse, die im Anzug sind, erinnern an die Entdeckung eines neuen Kontinents.


Heute wird der EU in Athen offiziell der Entwurf ihrer künftigen Verfassung überreicht, einer Verfassung, die den osteuropäischen Neu- Mitgliedern dieselben Rechte einräumt wie dem alten „Kerneuropa“. Auf der anderen Seite fordern Jürgen Habermas und Jacques Derrida mit ihrem Aufruf vom 31. Mai eine energische Initiative eben dieses Kerneuropas, um den Kontinent in absehbarer Zeit als Gegengewicht zur amerikanischen Hegemonialmacht zu etablieren. Die Debatte über diesen Vorstoß, an der an dieser Stelle Richard Rorty, Harold James, Dan Diner und Péter Esterházy teilgenommen haben, setzt nun der polnische Schriftststeller Andrzej Stasiuk fort; von ihm erschien zuletzt der Erzählungsband „Galizische Geschichten“ (Suhrkamp Verlag).


Der Plan für die kommenden Jahrzehnte sieht ungefähr so aus: Die Zigeuner werden mit ihren Wagen ankommen und mitten auf den Champs-Elysées ihr Lager aufschlagen, bulgarische Bären werden auf dem Berliner Kudamm ihre Kunststücke vorführen, halbwilde Ukrainer gründen in der Poebene, vor den Toren Mailands, ihre misogynen Kosakeneinheiten, besoffene und in Gebete versunkene Polen verwüsten die Weinberge an Rhein und Mosel und pflanzen dort Sträucher an, die mit reinem Spiritus gefüllte Früchte tragen, dann ziehen sie weiter, singen ihre Litaneien und halten erst am Rande des Kontinents an, in dem erzkatholischen, für seine Wunder berühmten Santiago de Compostela. Schwer zu sagen, was die Rumänen mit ihren Millionen von Schafherden machen werden – zeichnet sich dieses Volk doch vor allem durch Schafzucht aus, zum anderen aber durch Unberechenbarkeit. Serben, Kroaten und Bosnier überqueren mit ihren dalmatinischen Einbäumen den Ärmelkanal und balkanisieren Britannien, das ein für alle Mal, wie von Gott befohlen, in Schottland, England und Wales aufgeteilt wird.


Warten auf die Barbaren


Die Bewohner von Lettland und Litauen werden immer wieder listig ihre Identität wechseln und die an durchsichtige Verhältnisse gewöhnte Öffentlichkeit hinters Licht führen. Slowenen und Slowaken werden sich als Bewohner Slawoniens ausgeben und so die Computersysteme in der ganzen EU zur Verzweiflung treiben. Die Moldauer, die ihre Haupteinnahmen aus dem Verkauf der eigenen Organe schöpfen (darüber hat eine gewisse Zeitung in Deutschland geschrieben), verwandeln sich als ganzes Volk in klingende Münze und ruinieren den Weltmarkt der Transplantate. Und was die Albaner tun werden, übersteigt jegliche menschliche Vorstellungskraft ...


Ein Freund von mir, der hervorragende ukrainische Prosaist und Lyriker Jurij Andruchowycz, sagte einmal, ein Schriftsteller, der aus Mittel- oder Ost europa in den Westen komme, finde dort, literarisch gesehen, eine ideale Situation vor: Er kann über sein Land, über seinen Teil des Kontinents fantastische Geschichten erzählen, sie als die reinste Wahrheit verkaufen und sich danach zur Ruhe begeben, denn seine Erzählungen werden nie verifiziert werden. Einerseits, weil die Öffentlichkeit denkt, dort könne wirklich alles geschehen, andererseits, weil diese Länder den Westen eher an eine literarische Fiktion als an real existierende Staaten erinnern.


Die nahe Zukunft Europas wird die Begegnung mit der Fiktion sein, mit einer Fiktion, die von zweihundert Millionen überaus realen Wesen bevölkert wird. In dieser Situation wirken die Streitigkeiten, die in Paris, Berlin oder London ausgetragen werden, etwas anachronistisch. Der Kontinent wird sich bald bis zur Unkenntlichkeit verändern, und nichts wird mehr so sein wie vorher. Ich bin weit davon entfernt, den Moldauern, Polen oder mitteleuropäischen Zigeunern ein bestimmtes Potential zuzuschreiben. Ich versuche einfach, diesen Teil der Welt als ein Ganzes zu sehen, das – und sei es kraft seiner Trägheit – das Gesicht des Kontinents verändern wird. Diese eigenartigen, unbekannten, exotischen Stämme werden sich in Europa wiederfinden, aber es wäre naiv zu glauben, dass sie ihre Gewohnheiten und Unarten, ihre heftigen Bedürfnisse, ihre Hirngespinste und Traumata, ihr spezifisches Temperament aufgeben, kurzum, dass sie zugunsten von irgendwelchen liberalen, demokratischen europäischen Universalien auf ihre individuellen Züge verzichten. Ihre Situation ähnelt jener der barbarischen Eroberer, denen man die Tore öffnete, weil das der einzige Ausweg war. Erinnern Sie sich an das Gedicht von Konstantinos Kavafis mit dem Titel „Warten auf die Barbaren“?


So kündigt sich also ein langes, schönes Ende an. Es wird einige Zeit dauern, bis die neuen, aus dem Nichts auftauchenden Stämme sich an ihrer Beute satt gegessen, bis sie sie verdaut, ihren eigenen Verhältnissen angepasst, vervollkommnet und schließlich in eine Parodie ihrer selbst verwandelt haben werden. Doch bevor das eintritt, wird das alte Europa einen zweiten Frühling erleben. Während es in der Welt seinen Erfolg einbüßt, gewinnt es ihn für einige Zeit in den eigenen Augen wieder. Es wird Wohlstand, Sicherheit, Ordnung, Zufriedenheit und Exklusivität exportieren können, wie es bisher Autos, Kleidung und Essen exportiert hat. Natürlich wird man diese vielschichtige, empfindliche nichtmaterielle Ware ständig modifizieren müssen, damit sie den unberechenbaren Geschmack der unbekannten Völker trifft, man wird ständig ihre Attraktivität erhöhen müssen. Zumindest, solange die fernsten Ränder des Kontinents die Geheimnisse der selbstständigen Produktion noch nicht beherrschen.


Nicht ausgeschlossen, dass das alte Europa dann nicht mehr gebraucht wird. Mangels einer sinnvolleren Beschäftigung wird es sich mit der eigenen Geschichte befassen und sich an seine frühere Bedeutung erinnern. Auf paradoxe Weise wird es das Schicksal seiner jüngeren Schwester (das „neue“ Europa) wiederholen, die noch vor kurzem restlos mit der eigenen Geschichte beschäftigt war, die allerdings aus einer Kette von Niederlagen, Enttäuschungen und Ungerechtigkeiten des Schicksals bestand. Das alte Europa wird das Los der jüngeren Schwester auch insofern teilen, als es das Gefühl der Überflüssigkeit erfahren wird. Schuldner zeigen eben sehr selten Dankbarkeit. Sobald sie wieder auf den Beinen stehen, schreiben sie die ganzen Verdienste sich selbst zu, und ihr Gedächtnis löscht auf wundersame Weise die Zeit der Demütigung.


Kann man zwei Ströme der Geschichte vereinigen, die so lange getrennt nebeneinander flossen? Zu allem Überfluss trocknete, wenn der eine seinen Lauf beschleunigte, der andere oft aus oder verwandelte sich in eine unterirdische Strömung. Völker erinnern keine allgemeine Geschichte, sie nähren sich von ihrer eigenen. Ähnlich ist es mit der Zukunft. Wir können sie als gemeinsame Zukunft planen, aber wenn sie kommt, verwandelt sie sich auf der Stelle in Vergangenheit, und dann ist sie nur noch unser persönliches Eigentum, denn sie ist das einzige, was wir haben.


Deutsch von Renate Schmidgall


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