Sibylle Krause-Burger: Kolumnen zurueck home weiter

13.04.2004

(Artikel aus der Stuttgarter Zeitung - Stadtausgabe, Dienstag, 13. April 2004, Seite 2. Ausgabe: Nr.85)

Die da oben und die da unten - ein Volk von Brüdern

SIBYLLE KRAUSE-BURGER: Es fehlt bei Führenden und Geführten an der Einsicht in die Notwendigkeit - meint unsere Kolumnistin.

Armes, altes Deutschland. Wie weit bist du abgeschlagen. Wie mutlos ist dein Volk. Wie unfähig, ungeeignet, unwürdig zeigt sich dein Führungspersonal.

An der Spitze der Regierung - und Schröder, weil er gerade mal Kurs hält, ist vielleicht noch der Beste von allen - ein Kanzler, dem gleichwohl Kraft, Ernst und Ausdauer gefehlt haben, die Basis seiner Macht zu pflegen und zu erhalten. Ist er noch mehr als das hübsche Feigenblatt eines Krisen-Corpus mit Namen SPD? Jederzeit vom Absturz bedroht wie einst Helmut Schmidt?

An der Spitze des größten Unternehmens ein Haudegen, den die Kontrolleure - als gäbe es da einen zwingenden Zusammenhang - Millionen verdienen und Milliarden vernichten lassen. Pokerface Schrempp, der sein ironisches, nur halbseitig hochgezogenes Grinsen über alle Rückschläge hinweg rettet, der es sich gestattet, in München zu leben und nur einen Tag pro Woche in der Stuttgarter Konzernzentrale zu verbringen.

Lässt sich so die schwäbisch verwurzelte Welt-AG regieren?

An der Spitze der Deutschen Bank, der größten des Landes, ein Sonnyboy, der nach Managerart Leben und Leistung vor allem in übergroßen Zahlen vermisst und dem - wie schon seinem Vorgänger Hilmar Kopper - offenkundig jedes Gespür dafür abgeht, mit welchen Summen kleinere Leute hantieren müssen. So wenig wie jenen Millionenverlust, den Kopper unter der Kategorie ¸¸Peanuts" verbucht hat, wird man Ackermanns Siegesgeste vor Gericht vergessen, diese Anmaßung eines Meistverdienenden, diese Demonstration von Geldmacht gegen rechtstaatlich untermauerten Gemeinsinn. Was hat die Gesellschaft von solchen Herren aus dem Reich der finanziellen Sinne, die sich gegenseitig erlauben, die großen Unternehmen auszuplündern und obendrein unsere schöne Dritte Gewalt zu verhohnepiepeln?

Der DGB und die Traumtänze

An der Spitze des Deutschen Gewerkschaftsbundes ein Populist und Verbandsegoist, der - zusammen mit anderen Gewerkschaftsführern - die Leute auf die Straße ruft und ihnen einzureden versucht, dass der Sozialstaat ungerupft bleiben könne. Michael Sommer will verteilen, was aus den bekannten ökonomischen und demografischen Gründen nicht mehr erwirtschaftet wird. Sein Aufmarsch der Reformkritiker war keine machtvolle Demonstration, eher ein Frühlingsspaziergang, ein Traumtanz. Die Wirklichkeit, welcher sich der DGB-Vorsitzende - auch um der Gewerkschaften willen - stellen müsste, sieht anders aus, und sie wird am Ende stärker sein. Glaubt Michael Sommer tatsächlich, mit den Konzepten von vorgestern Arbeit zu schaffen, die Sozialkassen wieder zu füllen, die gute alte Bundesrepublik zurückzuzaubern und die Folgen der Globalisierung aufzuhalten?

An der Spitze der hehren, entmachteten Bundesbank ein Aufsteiger, der sich zum Jahreswechsel 2000 auf 2001 im Glanze des gerade aus der Taufe gehobenen Euro sonnte, der das Ereignis mit erstehelichen und zweitehelichen Kindern in einer Adlon-Suite über vier Tage und Nächte hinweg feierte und seinen Sponsor, die Dresdner Bank, offenkundig ohne jeden selbstkritischen Gedanken, um 7661 Euro erleichterte. Ernst Welteke, der wohl noch immer nicht ganz begreift, dass solche Verwöhnungen gegen den Kodex seiner Kaste und wahrscheinlich auch gegen das Beamtenrecht verstoßen, dass sie mit seinem Amt und seinem Auftrag absolut unvereinbar sind. Früher hätte man sich vielleicht eine Kugel in den Kopf geschossen. So weit braucht heute keiner mehr zu gehen. Aber wie kann es der höchste Bundesbanker ertragen, nach all der Schmach, noch einen Tag länger auf seinem Stuhl auszuharren? Und wie korrumpiert von der eigenen, eingebildeten Bedeutsamkeit muss das höchste Gremium dieser Bank sein, dass es den Gestrauchelten noch weiter stützt und hält, nur um die eigene Unabhängigkeit unter Beweis zu stellen?

Und was ist das eigentlich für eine seltsame Unabhängigkeit, die sich nicht allein aus dem Grundgesetz rechtfertigt, sondern trotzig in einer Solidarität mit der Sünde hochgehalten wird?

Merkels böses Spiel mit Schäuble

Und weiter: an der Spitze der Liberalen ein rhetorisch begabter Karrierist mit eisblauem Blick, der sich nicht scheut, zu den Big Brothers in den Container zu steigen. An der Spitze der CDU eine mittlerweile gut trainierte Machtpolitikerin, die Wolfgang Schäuble - den Scharfsinnigsten ihrer Parteifreunde und Vorzüglichsten unter den möglichen Anwärtern für das Bundespräsidentenamt - kalten Herzens austrickst und an seiner Stelle einen Kandidaten ohne jede staatspolitische Erfahrung und Statur präsentiert. An der Spitze der Sozialdemokraten immerhin ein Redlicher; doch ein Apparatschik ohne Ausstrahlung ist er eben auch.

Und drunten im richtigen Leben, unterhalb der Sphäre, in der all diese wunderbaren Spitzenleute walten und weben, das Volk, von dem alle Macht ausgeht, und in dem - nach Auskunft der Allensbacher Auguren - lediglich zwölf Prozent den vergleichsweise harmlosen Reformkurs der Bundesregierung für gut befinden. Von welchen Bergen soll dem armen, alten Deutschland da noch Hilfe kommen?

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