URL: http://www.fr-aktuell.de/ressorts/kultur_und_medien/feuilleton/?cnt=455621

"Unsere Redlichkeit!"
Jeder in seinem Land, aber beide in Europa: Die Geschichte einer Freundschaft mit Hindernissen - Jürgen Habermas zum 75. Geburtstag
VON JACQUES DERRIDA

Das Zusammentreffen (FR)
Zur Beruhigung: Meiner Vorstellung nach erhebt dieser von Nietzsche entlehnte Titel nicht den Anspruch, sich auf eine "Redlichkeit" zu beziehen, die wir, Jürgen Habermas und ich, teilten. Mein Gruß gilt seiner Redlichkeit, der Redlichkeit von Habermas - wie ich sie erfahren zu haben glaube.

Warum erinnere ich zunächst an den schönen Text, den mein Freund Jean-Luc Nancy dem Gebrauch, den Nietzsche von dem Wort "Redlichkeit" macht, in seinem Buch L'impératif catégorique gewidmet hat? Unter vielen anderen Gründen deshalb, weil er eine überraschende, jedoch überzeugende Annäherung vorschlägt zwischen einem gewissen Nietzsche und einem gewissen Kant, der uns, Habermas und mir, viel bedeutet. Nur ein Zitat aus der langen und raffinierten Analyse von Nancy (deren Illustration ich, ebenso wie der von Nietzsche, gerne mehr Raum gegeben hätte): "Und während der Wert als solcher immer von der Ordnung dessen ist, was Kant den Preis nennt, d. h. der relative Wert einer Bewertung, hat dagegen die Wahrheit der Redlichkeit - dieser imperativen Rechtschaffenheit - nicht einen relativen Wert, sondern, immer noch in den Termini Kants, einen "inneren Wert, d. i. Würde".

Der Staatsphilosoph
Noch an seinem heutigen 75. Geburtstag ist an Ruhestand nicht zu denken: Jürgen Habermas gehört nicht nur zu den weltweit bekanntesten Philosophen, seine streitbare intellektuelle Stimme ist nach wie vor unverzichtbarer Teil der öffentlichen Diskussion in Deutschland.

Während er die akademische Szene mit immer neuen Standardwerken wie den "Strukturwandel der Öffentlichkeit", "Erkenntnis und Interesse", "Theorie des kommunikativen Handelns" oder "Faktizität und Geltung" (alle Suhrkamp) versorgt, ist er auf der politischen Bühne so präsent, dass schon die Rede vom "Staatsphilosophen" (Joschka Fischer) die Runde machte. "Linksfaschismus", "Historikerstreit", "nachholende Revolution" sind nur einige der Stichworte, auch zur jüngsten Bundespräsidentenwahl, zum Irak-Krieg und in der Gen-Debatte meldete Habermas sich zu Wort (nachzulesen etwa in "Die Neue Unübersichtlichkeit", "Die postnationale Konstellation", "Die Zukunft der menschlichen Natur" oder "Der gespaltene Westen", ebenfalls alle Suhrkamp).

Nach dem Studium der Philosophie, Geschichte, Psychologie, Literatur und Ökonomie in Göttingen, Zürich und Bonn war Jürgen Habermas zunächst als Forschungsassistent am von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer geleiteten Institut für Sozialforschung in Frankfurt am Main tätig; er gilt als wichtigster Vertreter der zweiten Generation der Kritischen Theorie.

Habermas war Professor für Philosophie und Soziologie in Frankfurt, Direktor des Starnberger Max-Planck-Instituts für Sozialwissenschaften, er nahm zahlreiche Gastprofessuren im Ausland wahr, erhielt neben mehreren Ehrendoktorwürden den Hegel-Preis der Stadt Stuttgart, den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, den Prinz-von-Asturien-Preis sowie jüngst den Kyoto-Preis und lehrt noch heute an der Northwestern University in Evanston bei Chicago. chp
Nebenbei bemerkt hat Habermas vor einigen Jahren in Die Zukunft der menschlichen Natur daran erinnert, dass das deutsche Grundgesetz von 1949 die erste Verfassung war, in deren Text ausdrücklich die "Würde des Menschen" aufgenommen wurde ("Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.").

Ich möchte meine Bewunderung und die herzlichen Wünsche für Jürgen Habermas datieren. Ich rufe hier mehr als nur ein Datum ins Gedächtnis und nicht in erster Linie den einzigartigen, frohen "Anlass" seines heutigen 75. Geburtstags. Man verzeihe mir, dass ich eher die Daten wähle, die in meinen Augen unsere so wenig gemeine gemeinsame Geschichte skandieren. Ich liebe diese Geschichte, ich lerne sie zu lieben. Sie ist nicht nur die insgesamt recht junge Geburt einer Freundschaft oder persönlichen Zuneigung. Ihre philosophische und politische Bedeutung ragt schon jetzt über uns beide hinaus. Sie nimmt mich in die Pflicht, und ich hoffe, dass sie in der Ordnung der Philosophie (der "Ethik der Diskussion") bei mehr als nur einem zweierlei abfordert: ein politisches Engagement der Philosophen - darüber nachzudenken, was jenseits der gewöhnlichen Leidenschaften des Lebens Verantwortung heißen sollte - und die Rechtschaffenheit, also Redlichkeit des Denkens: gegenüber dem Anderen, gegenüber dem Ereignis, gegenüber Politik und Geschichte, gegenüber der Zukunft. In Deutschland, in Frankreich, in Europa und in der Welt, die kommen wird.

Denen, die das volle Recht haben, nichts davon zu wissen, möchte ich kurz die "Begegnungen" zwischen Habermas und mir in Erinnerung rufen. Die erste fand, glaube ich, 1984 auf seine Einladung hin statt, bei einem Vortrag, den ich an der Universität Frankfurt über "Die Pupillen der Universität. Das Prinzip der Vernunft und die Idee der Universität" hielt (und signifikante Koinzidenz oder nicht, erneut ging es beim zweiten Vortrag, den ich im Jahr 2000 in Frankfurt gehalten habe, um das politische Problem der Universität - "Die unbedingte Universität" - auf Einladung von Axel Honneth, aber wiederum eingeleitet durch Habermas).

Ein Jahr nach meinem ersten Besuch in Frankfurt veröffentlichte Habermas den Philosophischen Diskurs der Moderne. Ich las das Buch mit dem lebhaftesten Interesse - und war nicht der Einzige, der die beiden großzügigerweise mir zugedachten Kapitel, sagen wir, ungerecht oder übereilt fand. 1988 (in Mémoires. Für Paul de Man) und 1990 (Limited Inc., dt. 2001) antwortete ich darauf in zwei langen Anmerkungen im Namen der "Ethik der Diskussion" - so weit wie möglich mit Argumenten, aber zugegeben ein wenig polemisch. Obwohl wir uns beide still verhielten, bildeten sich danach in zahlreichen Ländern wahre "Parteien". Sie führten eine Art "Krieg", an dem wir uns nie persönlich oder direkt beteiligt haben. Dieser typisch akademische "Krieg" gab wohl auch zu denken, wie ich hoffe. Aber ich kann es bezeugen: Den Studenten, die ihre Bündnisse zu schließen hatten und in ihrem Vorankommen manchmal wie gelähmt waren, schadete er.

Das Gespenst Nietzsches

Ende der neunziger Jahre - und dem gilt das erste Zeichen der Dankbarkeit, das ich an Habermas richten will - kam er in Evanston in den Vereinigten Staaten, wo wir uns nach meinem Vortrag auf einer "Party" trafen, freundlich lächelnd auf mich zu und schlug mir eine "Diskussion" vor. Ohne zu zögern willigte ich ein. "Das wäre an der Zeit", sagte ich, "warten wir nicht, bis es zu spät ist." Das nächste Treffen fand dann kurz darauf in Paris statt. Im Lauf eines ausgesprochen freundschaftlichen Essens setzte Habermas alles daran, die Spuren der vormaligen Polemik zu beseitigen, in beispielhafter Rechtschaffenheit, für die ich ihm immer dankbar sein werde. Wieder ging das Gespenst Nietzsches um und murmelte mir ins Ohr: Redlichkeit! "Inwiefern der Denker seinen Feind liebt. - Nie etwas zurückhalten oder dir verschweigen, was gegen deinen Gedanken gedacht werden kann! Gelobe es dir! Es gehört zur ersten Redlichkeit des Denkens. Du mußt jeden Tag auch deinen Feldzug gegen dich selber führen." (Morgenröte, §370)


Seither haben wir etliche Petitionen und politische Manifeste gemeinsam unterzeichnet (zum Beispiel zu Algerien und manchmal auf Initiative unseres gemeinsamen Freundes Pierre Bourdieu). Übrigens waren bei mir die immer mit Argumenten vorgetragenen politischen Positionen, die Habermas in Deutschland bei zahlreichen Gelegenheiten zu den historischen Problemen Deutschlands mit viel Mut bezogen hatte, seit jeher auf mehr als nur Sympathie, auf zustimmende Bewunderung gestoßen. Schon das war für uns beide ein Zeichen der Übereinstimmung und einer Art Verbundenheit.

Im Verlauf des genannten Essens bestätigte sich die politische Nähe in mehr als einem Punkt. Dabei ging es vor allem um Europa und seine Zukunft. Wir verständigten uns darauf, ein gemeinsames Seminar zu Problemen der Philosophie, des Rechts, der Ethik und der Politik zu organisieren. Axel Honneth half uns dabei, indem er mich im Jahr 2000 nach Frankfurt einlud. Nach meinem Vortrag waren wir einen ganzen Tag lang mit einigen Kollegen und Studenten zusammen. Endlich wurde eine Diskussion möglich, das war für mich das Wesentliche. Sie nährte sich höflich, rechtschaffen - redlich - in einem Labyrinth, in dem sich unsere philosophischen oder ethisch-politischen Wege zuweilen kreuzten, mal übereinstimmten, mal gegeneinander standen. Am Ende desselben Jahres erwies Habermas mir die Ehre eines wundervollen Vortrags in Paris, anlässlich eines mir gewidmeten Kolloquiums (Judéités, Questions pour Jacques Derrida). Die Diskussion setzte sich fort, und das Versprechen, weiterzumachen...

Habermas und Derrida
Man kann Jürgen Habermas und Jacques Derrida ohne Übertreibung als die bedeutendsten europäischen Philosophen der Gegenwart bezeichnen. Lange Zeit galten sie als Antipoden: In den achtziger und neunziger Jahren kam es diesseits und jenseits des Rheins zu einem regelrechten Philosophenkrieg um das angemessene Verständnis von Vernunft, Moderne und Postmoderne.

Das Verhältnis der beiden Theoretiker wurde zu einer Art Feindschaft hochstilisiert. Die "Grenzen der Verständigung" (Manfred Frank) schienen erreicht. Aus Anlass des 75. Geburtstages von Jürgen Habermas erzählt der ein Jahr jüngere Franzose heute, wie es wirklich war: Aus anfänglichem Misstrauen entwickelte sich eine persönliche, philosophische und politische Freundschaft, die beide Denker heute einen gemeinsamen Kampf für ein soziales Europa und eine friedliche Welt führen lässt.

Jacques Derrida unterrichtet Philosophie an der Pariser Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales und an zahlreichen amerikanischen Universitäten. chp
Im Folgejahr 2001 haben wir uns kurz nach dem "11. September" anlässlich des Adorno-Preises wiedergesehen. Dann wollte es der Zufall, dass wir Anfang Oktober bei einem weiteren gemeinsamen Freund, Richard Bernstein, in New York zusammenkamen. Während eines Gesprächs am Rande haben wir zwar durchaus dasselbe Mitleid für die Opfer des Attentats und dieselbe Empörung über diese Art der Aggression empfunden, aber vor allem dieselbe kritische Beunruhigung über die "Reaktion" der Bush-Administration und einer Mehrheit der amerikanischen Meinung unter dem Schock der beiden Attentate. Wir empfanden dasselbe Unbehagen, dieselbe Missbilligung gegenüber dem, was sich damals schon anbahnte: das Schlimmste, das sich täglich wieder bestätigt.

Wir nahmen beide den Vorschlag auf, dazu (in einem sehr weiten philosophischen Sinne) zwei lange Interviews zu geben, die als Buch zusammengestellt wurden, zuerst in den Vereinigten Staaten (Philosophy in a Time of Terror), dann in Italien, schließlich in Frankreich (Le "concept" du 11 Septembre) und jetzt auch in Deutschland (Philosophie in Zeiten des Terrors, Philo-Verlag 2004). Und einen Text, den zu schreiben Habermas glücklicherweise die Initiative ergriffen hatte, der weithin Verbreitung fand und zu einer neuen europäischen Öffentlichkeit ebenso wie zu einer gemeinsamen Außenpolitik aufrief, haben wir gemeinsam unterzeichnet (vgl. FAZ, 31. Mai 2003).

Das Buch und diese Art Manifest, ebenso wie etliche ähnliche Indizien, gaben unseren jeweiligen Freunden Rätsel auf, manche waren darüber beunruhigt, andere verärgert. Zahlreiche Veröffentlichungen sind dazu inzwischen erschienen, und in beispielhafter Höflichkeit teilt Habermas mir jeweils die Antworten mit, die er bei Interviews auf Fragen dazu gegeben hat. Aber nichts sollte, nichts darf - diesen Wunsch fasse ich heute - uns entmutigen, auf einem solchen Weg fortzufahren.

Gemeinsame politische Kultur

Welcher Weg? Sicherlich der der "Diskussion", direkt oder indirekt, denn es bleibt viel zu tun. Über den Grund und geschichtsphilosophischen Hintergrund dessen, worin wir uns einig oder uneinig sind, wüsste ich an dieser Stelle und in der Form einer kurzen Botschaft nichts zu sagen. Ich verspüre dazu weder die Kraft noch die Kompetenz, noch das Recht. Heute, wo es drängt, lockt mich eher ein Weg, der uns unsere Übereinstimmung genauer fassen und uns gemeinsam Verantwortung übernehmen lässt, jeder in seinem Land, aber beide in Europa. Diesen Weg möchte ich heute mit den Worten von Habermas genau dort bestimmen, wo andere Texte von mir, die im Gestus der Schreibweise, in der Argumentation und den Prämissen sicher stark unterschiedlich sind, den Ansatz von Habermas kreuzen, ihm seltsam nah sind oder Parallelen aufweisen.

Zum Beispiel finde ich all seine Schriften zu dem aufschlussreich und beispielhaft, was "nach dem Nationalstaat" kommen müsste, insbesondere das, was die Notwendigkeit einer "gemeinsamen politischen Kultur" angeht, die sich von den unterschiedlichen "Nationalkulturen" abhebt. Im Anschluss an eine erhellende Analyse bestimmt Habermas im Anhang zu Faktizität und Geltung die Bedingungen dieser neuen politischen Kultur, unterscheidet sie von dem, was in den Vereinigten Staaten geschehen ist und bringt dies dann auf die legendär gewordene Formel, dass "ein europäischer Verfassungspatriotismus" sich bilden müsse.

Die nächsten Europawahlen (ich schreibe dies am 4. Juni) werden vielleicht zu Richtungsentscheidungen hinsichtlich der europäischen Verfassung und der sozio-politischen Gestalt Europas führen. Ich teile hier dieselbe Hoffnung und dieselbe Sorge wie Habermas. Ich glaube an die Notwendigkeit einer neuen politischen Kultur Europas und, damit sie konkret getragen wird, bis in den Körper, in das Herz und in die konkrete Existenz der europäischen Bürger hinein an die Notwendigkeit eines neuen politischen "Affekts", an ein Gefühl der Zugehörigkeit - eines gewissermaßen rationalen Gefühls jedoch, welches nicht dasjenige eines neuen europäischen Nationalismus ist. Wenn ich "Gefühl" sage, denke ich an etwas, das analog ist zur kantischen "Achtung": durchaus an einen sinnlichen Affekt, an ein einzelnes "Gefühl", wie Kant sagt, das aber mit keinerlei "pathologischem Gefühl" vergleichbar sei. Dieses Gefühl "ist so eigenthümlicher Art, daß es lediglich der Vernunft und zwar der praktischen reinen Vernunft zu Gebote zu stehen scheint". Da es sich um die Achtung vor dem Gesetz einer europäischen Verfassung handelt, würde ich vielleicht zögern, dieses Gefühl "Patriotismus" zu nennen, wegen der allzu vielen beunruhigenden Konnotationen. Aber jenseits des Worts oder des Buchstabens bleibt der Habermassche Diskurs zu diesem Thema für heute und für die Zukunft in meinen Augen von grundlegender Bedeutung.


In Die postnationale Konstellation präzisiert Habermas seine Absichten selbst, immer mit derselben Redlichkeit in seinen Antworten auf Einwände. Er antwortet, er akzeptiert den Einwand, und wie immer bezieht er daraus den Schwung, darüber hinauszugehen: "Hier greifen die Bedenken, die die Neoaristoteliker schon gegen einen nationalen und erst recht gegen einen europäischen Verfassungspatriotismus ins Feld führen. Eine kosmopolitische Gemeinschaft von Weltbürgern bietet deshalb für eine Weltinnenpolitik keine ausreichende Basis. Die Institutionalisierung von Verfahren der weltweiten Interessenabstimmung, Interessenverallgemeinerung und einfallsreichen Konstruktion gemeinsamer Interessen kann sich nicht im organisatorischen Gefüge eines Weltstaates vollziehen. Entwürfe zu einer ‚kosmopolitischen Demokratie' müssen sich nach einem anderen Modell richten." (In Klammern sei hinzugefügt, dass ich, eben weil ich eine solche These voll unterschreibe, insbesondere in Marx' Gespenster und in Weltbürger aller Länder, noch eine Anstrengung! glaubte, eine "neue Internationale" vorschlagen zu sollen, die, weil sie die Grenzen des Staats (polis) als Weltstaat ebenso wie die Grenzen der Nation überschreitet, über die Begriffe des Weltbürgers oder des Kosmopolitismus hinausweist - trotz aller Sympathie, die ich mir für Buchstaben und Geist des Kosmopolitismus bewahrt habe.)

Ein anderes Europa

Darf man hoffen, wie ich es heute tue, ohne freilich davon überzeugt zu sein, dass die "Verantwortlichen" des Europas von morgen die hellsichtigen Habermasschen Botschaften hören werden? "Ein Europa, das sich für eine Domestizierung von Gewalt in jeder, auch in sozialer und kultureller Gestalt engagiert, würde gegen den postkolonialen Rückfall in Eurozentrismus gefeit sein." Oder: Die politischen Parteien, die Mut gegenüber der Zukunft beweisen, "müssen... den europäischen Handlungsspielraum... programmatisch mit der doppelten Zielsetzung erschließen, ein soziales Europa zu schaffen, das sein Gewicht in die kosmopolitische Waagschale wirft."

In diesen Sätzen von Habermas (gerne hätte ich noch viele andere kommentiert!) lese ich die beste politische Philosophie. Nicht nur für das Europa von morgen. Den Worten nach würden alle Parteien, selbst diejenigen, die es nicht wollen, dem Projekt eines "sozialen Europas" gewiss zustimmen. Da also wird die wahre Auseinandersetzung stattfinden, der tatsächliche Kampf um die Bestimmung dessen, was "sozial" morgen heißen wird. Dies wird sich nicht in Europa allein regeln lassen. Es ist also notwendig, dass Europa, ohne den Anspruch einer neuen hegemonialen Supermacht zu erheben, sein ganzes "Gewicht in die kosmopolitische Waagschale wirft".

Eine solche Debatte verbreitet sich bereits in einer Welt, der Europa helfen, sprich die sie zwingen sollte, ihr internationales Recht zu verändern, ihre Institutionen zu verbessern, insbesondere der UN einen neuen Guss zu geben, ja, sie neu zu begründen - diese respektable, aber so schwache, reformierbare und perfektionierbare UN, deren Sitz verlegt und deren Exekutivgewalt verstärkt und autonom werden müsste. Eine andere UN müsste im Nahen Osten gerechte Lösungen selbst umsetzen können, und zwar mit Hilfe europäischer Kräfte; sowohl in Irak als auch in einem Prozess, der in ausgleichender Weise dem israelisch-palästinensischen Konflikt ein Ende setzen, der barbarischsten Gewalt Einhalt gebieten und einer anderen Stimme Gehör verschaffen würde, der aus seinen vergangenen und künftigen Erbschaften heraus gegen den Hegemonismus der amerikanischen Administration einen anderen Weg bahnen würde.

Dieser Weg wäre zum Beispiel der einer gangbaren demokratischen Souveränität in Irak und in einem neuen palästinensischen Staat, den man zurzeit grausam zunichte macht, obwohl seine Legitimität von der gesamten internationalen Gemeinschaft anerkannt worden ist, sogar - zumindest verbal - von der israelischen Regierung, die doch die "Resolutionen" der UN so wenig achtet. Kurz, ein anderes Europa, ein alt-neues Europa, das die Kraft für eine altermondialistische Politik findet, die all die Instanzen zu bekämpfen und neu auszurichten vermöchte, von denen der zweideutige Prozess der Globalisierung oder Mondialisierung heute umgestellt ist, nämlich die unheilvolle, erbarmungslose und unpraktikable Ideologie des allumfassenden freien Tauschs, die G8, die Weltbank, der IWF, die OECD, die WHO und viele andere Mächte oder "Interessen", die den Planeten bis in seine "ökologische" Zukunft hinein bedrohen.

Gerne hätte ich anhand anderer Texte von Habermas noch weitere Zeichen der Anerkennung entfaltet, die ihm gebührt. Der Platz und die Kräfte fehlen mir. Aber ich wünsche mir von Herzen, dass das Wort, die Schriften und die Person von Jürgen Habermas unsere Hoffnungen noch lange erhellt, in diesen Zeiten der Ohnmacht und angesichts der dunklen Bedrohungen, die sich ankündigen.

Aus dem Französischen von Ulrich Müller-Schöll.

Feuilleton: Auf Anfang



[ document info ]
Copyright © Frankfurter Rundschau online 2004
Dokument erstellt am 17.06.2004 um 16:28:13 Uhr
Erscheinungsdatum 18.06.2004