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Kanonitis

Soviel Kanon war nie.

Zu allererst war da, aber das muß man kaum eigens sagen, Marcel Reich-Ranicki, der sozusagen inkarnierte Kanon höchstpersönlich, mit seiner Insel-Ausgabe »Der Kanon. Die deutsche Literatur«, freilich nur ihre kanonischen Romane, in 20 Bänden.

Das war sowohl an Zahl wie an Bandbreite erstaunlich bescheiden, weswegen der ehemalige DDR-Schriftsteller Erich Loest jetzt seinem Freund Marcel Reich-Ranicki in der »Dresdner Morgenpost« im Rahmen seines eigenen Kanons der 20 besten deutschen Romane Christa Wolfs »Nachdenken über Christe T.« und Jurek Beckers »Jakob der Lügner« nachreicht.

Und Hellmuth Karasek, Reich-Ranickis Zauberlehrling aus dem »Literarischen Quartett« ließ des Meisters Auswahl so wenig ruhen, daß er im »Reader's Digest«, seit je der klassischen Orientierungshilfe im Dschungel allzu vieler und allzu langer Bücher, seinen Kanon auf 33 Bücher erweiterte, nicht nur Romane und nicht nur der deutschen, sondern auch gleich der Weltliteratur, Luthers Bibelübersetzung eingeschlossen. Weshalb es just 33 Bücher sein mußten, diese magische Zahl, entzieht sich einstweilen unserer Kenntnis.

Aber auch 33 Bücher sind noch nicht annähernd hinreichend. Die Wochenzeitung »Die Zeit« sucht derzeit mit einer aus 50 Titeln bestehenden »Schülerbibliothek« dankenswerterweise die dringend notwendige Bildungorientierung für die Schule zu geben.

Und Joachim Kaiser, Literatur- undf Musikkritiker der »Süddeutschen Zeitung« läßt im wahren Buch der Bücher von einem Gelehrtenteam gleich tausend davon vorstellen, nicht nur Romane und nicht nur fiktionale deutsche Literatur, sondern auch Philosophisches, Soziologisches usf. - und das weltweit: die Grenzen zur Universalenzyklopädie, mindestens zu Kindlers Literaturlexikon, sind fließend.

Selbst alles Geschriebene aber reicht nicht für einen rechtschaffenen Kanon aus, weswegen jetzt die Zeitschrift »ART« sofort einen solchen der Bildenen Künstler nachreicht.

Kurzum: Eine förmliche Kanonitis grassiert. Das ehemalige Volk der »Dichter und Denker, Schweber und Seher«, so die komplette Formel von Karl August Musäus, der unseres Wissens in keinem genannten Kanon vorkommt, dieses Volk also, dank »PISA« im europäischen Bildungsvergleich buchstäblich »gepisakt« und nun auch noch in einer OECD-Studie der allgemeinen Leseschwäche überführt, sucht aufgeschreckt nach Orienterungshilfe. Und dazu fällt ihm erst einmal der bürgerlichen Bildung liebstes Kind, eben der Kanon, ein. In diesem Fall gleich etliche Kanons. Aber kann man das überhaupt im Plural sagen?

Ein Kanon kann als Orientierungsmittel hilfreich und sinnvoll sein, zumal in Zeiten und Gesellschaften, die nicht mehr wissen, wo's langgeht. Aber wo geht es denn lang? Es gehört wesentlich zum Kanon, daß er auswählt, die Spreu vom Weizen oder gar Weizen von Weizen sondert. Viele Kanons aber sind des einen, des gültigen, des akzeptierten Kanons Feind. Er darf einfach nicht in der Mehrzahl auftreten. Inflation ist für die Kanonisierung tödlich.

Statt Orientierung zu ermöglichen, sorgt die Kanonitis also für das gerade Gegenteil, für Entkanonisierung, für wechselseitige Relativierung der Kanons.

Weitere werden dazukommen. Man denke nur daran, wieviele Kanons allein im Anschluß an den »Bildungs«-Bestseller von Dietrich Schwanitz erstellt werden könnten - er ist der Vater aller Bildungs-Schlachten. Es ist nur noch eine Zeitfrage, wann es endlich den Kanon des Kanons, den Kanon in der Potenz geben wird.

Die grassierende Kanonitis jedenfalls wird nicht so schnell aufhören, zumal sie auch noch geschäftsförderlich ist. Und einen Vorteil hat die Epidemie ganz ohne Zweifel: Bei jedem neuen Kanon weiß man, was der jeweils vorhergegangene alles vergessen hat. In diesem Sinne: Tausend Kanons braucht das Land!

Ludger Lütkehaus

(©2002 Ludger Lütkehaus; mit freundlicher Genehmigung des Autors)

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