Logo Weltwoche.ch  Ausgabe 41/03

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Spätsünder
Julian Schütt

Im Herbst ihres Lebens spüren Günter Grass, Adolf Muschg und Martin Walser den Frühling. In ihren neuen Büchern offenbaren sie ihre wahren Sehnsüchte.

Sie sind selber schuld, wenn man ihnen zu nahe tritt. Ja sie provozieren es geradezu, von Günter Grass (75) über Martin Walser (76) bis zu Adolf Muschg (69) und Botho Strauss (59). Dieser Bücherherbst zeichnet sich dadurch aus, dass die namhaften deutschsprachigen Schriftsteller den Frühling spüren. Unverblümt ausgedrückt: Die Gestandenen müssen nochmals ihr Stehvermögen beweisen, auf literarischem Niveau zweifellos, doch unter der Gürtellinie. Es ist die Saison der Altherrenerotik. Höchste Zeit, den Bock einmal bei den Hörnern zu packen.

Wir sind in einem japanischen Nachtklub. Eine Orgie ist im Gang. Die Frauen sind vom Lokal angestellt, die männlichen Parts übernehmen die Gäste. Es wird damit gerechnet, dass sie vollzählig mitmachen. Im Publikum sitzt aus professionellem Interesse auch ein angesehener Schweizer Autor, um in diesem «Theater der Schamlosigkeit» die japanische Schamkultur zu erkunden und zu sehen, wie sie sich von jener im Fernen Westen unterscheidet. (Merke: In der Altherrenerotik hat der Autor immer ein Alibi.) Obwohl ihm eine aktivere Rolle in dem «Lust-Spiel» zustünde, gibt er sich mit der des Voyeurs zufrieden, und um nicht doch in Versuchung zu geraten, setzt er sich der Expedition ins Reich der Sinne nur in Begleitung seiner Gefährtin und eines Kollegen aus. Wie Bodyguards schützen sie ihn, nicht vor äusseren Feinden, sondern vor sich selbst. Während die rammelnde Horde sich auf der Bühne verausgabt, beweist der Autor seine Ausdauer darin, sich von den männlichen Artgenossen abzuheben, die mit ihren heruntergelassenen Hosen Zweijährigen gleichen. Wie zum Dank für seine fast japanisch zurückhaltende Art schenkt ihm eine der Damen ein flüchtiges Lächeln.

Dieser Parzival ist im richtigen Leben unter dem Namen Adolf Muschg bekannt, seine Beobachtungen vom Spielfeldrand eines Gruppensex-Jekami erschienen 1995 unter dem sinnigen Titel «Nur ausziehen wollte sie sich nicht». Mittlerweile ein Klassiker der Altherrenerotik. Es ist vermutlich einer der bestgeschützten Texte der Gegenwartsliteratur. Ein Hochsicherheitstraktat. Muschg lässt nichts anbrennen: Statt das Präservativ selber zu benützen, zieht er es über den Text. Er verfolgt das Geschehen aus nächster Nähe, geht hingebungsvoll ins Detail, kokettiert mit dem Anstössigen. Aber gleichzeitig wahrt er eisern Distanz dazu. Nicht einmal unsere Parlamentarier, wenn sie vor den Wahlen ein heisses Eisen anfassen, bauen mehr Sicherungen in ihre Voten ein.

Altherrenerotik: Wollen wir wirklich wissen, was alles darunter fällt? Bis jetzt hat niemand es geschafft oder auch nur versucht, die Sache näher zu definieren, was immerhin erstaunlich ist, zumal in der zu Papier gebrachten Altherrenerotik äusserst wortgewandte Helden, typischerweise Schriftsteller oder Professoren, das Sagen haben. Oder wird der Begriff Altherrenerotik einfach als zu polemisch abgelehnt? Wie sollen wir das Problem denn sonst benennen? Etwa mit dem neutralen Ausdruck Alterserotik? Da denkt man sofort an Altersturnen, an besondere Techniken und Übungen, um beim Geschlechtsakt die Hüfte oder Wirbelsäule zu entlasten. Ein tauglicher Vorschlag wäre: senile Bettsucht. Doch das klingt in manchen Ohren ebenfalls despektierlich. Dann bleibt aber kein anderes Wort. Und wir müssen überdies damit leben, dass von der Altherrenerotik, gerade weil den Autoren der nötige Humor fehlt, viele Wege direkt in die Komödie, Bohème-Karikatur (Paul Nizon) oder in noch tiefere Abgründe führen.

Abgeklärt statt brünstig

Die Schwierigkeiten einer exakten Definition fangen schon beim Wörtchen «alt» an. Das Altern kann manchmal sehr früh beginnen. (Italo Svevos berühmter Roman «Senilità» handelt von einem Dreissigjährigen. Zudem sind auch junge Autoren nicht gegen Altherrenerotik gefeit.) Das einzige Unproblematische an dem Begriff sind die Herren, während unter Erotik dann vollends jeder das Seine versteht, wenngleich alle ungefähr dasselbe meinen. Und so ist es auch beim Konglomerat Altherrenerotik. Ohne Vagheiten geht auf dem Gebiet gar nichts.

Altherrenerotik erlebte in den vergangenen Jahren ein Coming-out. Schuld daran dürften hauptsächlich unsere völlig überholten Vorstellungen vom Altern sein. Wir erwarten, dass sich die Alten ihres Alters würdig zeigen. Bis wir selber alt werden und merken, dass es sich eigentlich um einen einseitig aufgezwungenen Stillhaltepakt handelt. Altherrenerotik ist die Quittung für solche Anmassung. Sie hat einen renitenten Kern, möglicherweise werden deshalb so viele oppositionsfreudige Autoren schwach.

Altern in Würde: Dahinter wittern die Betroffenen ein Lustverbot. Man hat abgeklärt und weise statt brünstig zu sein. Auf Feuilletonredaktionen mag bereits der Nachruf parat liegen; das heisst noch lange nicht, dass ein zu Tode Gewürdigter ebenfalls schon mit dem Leben abgeschlossen hat. Vielleicht schlägt er lieber bis zum finalen Atemzug über die Stränge, egal ob die Leute lästern: «Wieder einer, der nicht gelernt hat, alt zu werden.»

Der amerikanische Autor Philip Roth, auch schon über 70, weiss, wovon er spricht, wenn er sagt, dass niemand sich dem Alter stellt, bevor er muss. Und auch dann herrscht unter den Körperteilen ein mitleidloser Wettbewerb. Keiner tritt freiwillig zugunsten der anderen ins zweite Glied zurück. Erst recht nicht das eine Glied, das sich zunächst weitaus am häufigsten regt; es lässt sich nicht einfach stilllegen, nur weil im letzten Lebensabschnitt auch bislang unauffällig funktionierende Organe wie Herz, Nieren, Leber, Prostata einmal im Mittelpunkt stehen wollen. In Roths jüngstem Roman, «Das sterbende Tier», nimmt der 62-jährige Held, ein unverbesserlicher «Professor der Begierde», den eigenen Verfall durchaus wahr, hat aber, «aufgrund seiner sexuellen Vitalität, zugleich einen erheblichen Abstand zu diesem Verfall». Seine Affären mit Studentinnen halten ihn fit. Für Roth ist, auf eine Formel gebracht, Sex Rache am Tod. Für die Altherrenerotik gilt das Gegenteil. Altherrenerotik ist, wenn der Schuss hinten hinausgeht. Der Tod rächt sich am Sex. Das Stimulierende bleibt schwer getroffen liegen.

In gelehrten Vierteljahrsschriften würde nun eine kulturgeschichtliche Abhandlung über Eros und Thanatos einsetzen. Wir halten uns lieber an aktuelle Bücher. Günter Grass reimt auf «koitieren» «kollabieren». Von solchen Reimen lebt Altherrenerotik. Vor einem Jahr rief Grass in einer Turnhalle in Tübingen vor 1200 Studierenden aus, fünfundsiebzig sei das tollste Alter. «Das schnelle Katzenficken hört auf.» Erotik bekomme einen anderen Stellenwert. Der Dichter stimmte eine Hymne an auf Sex im Schneckentempo. Sehr zum Gaudi des jungen Publikums. Wer weiss, vielleicht war der Anlass sogar die Geburtsstunde von Grassens läufiger Lyrik, die soeben unter dem Titel «Letzte Tänze» und mit vielen Kreidezeichnungen des Autors erschienen ist.

Wenn erotische Literatur die Welt verändern kann, so nur im Kleinen, das vorübergehend etwas grösser wird. In einem Spiegel-Interview erinnerte sich Grass kürzlich eines Mittfünfzigers, der ihm nach einer Lesung gestand, seit der Lektüre seines Frühwerks «Katz und Maus» onaniere er «einfach viel fröhlicher». Literatur, schloss Grass daraus, habe eben doch eine Wirkung.

Verlag und Autor scheinen die onanierende Frohnatur auch den Kritikern als Vorbild zu empfehlen. Wie sonst sollte der Vermerk «nur zum persönlichen Gebrauch» in den Rezensionsexemplaren der «Letzten Tänze» zu erklären sein? Nun, Marcel Reich-Ranicki (83) ist zumindest ergriffen von dem Buch, nirgends komme die lyrische Substanz, die poetische Kraft des Günter Grass so stark zum Vorschein wie in seinen erotischen Gedichten. Seit etlichen Jahren ist er der wichtigste Mentor der Altherrenerotik. In Neuerscheinungen sucht er zielstrebig das Schlüsselloch einer Schlafzimmertür, andere Aussichten nimmt er kaum mehr wahr. Auch Fritz J. Raddatz (72), ehemaliger Feuilletonchef der Zeit, applaudiert dem «erstaunlichen Alterswerk» von Grass, während weniger betagte Rezensenten eher lustlos, um nicht zu sagen belustigt, reagierten.

«...solang mein Einundalles steht»

Von allen Tänzen, zu denen Grass bittet, beherrscht er den Schieber am besten. Den vollführt er auch beim Schreiben, drängt den Leser immer in eine Richtung, lässt ihm kaum Freiraum für eigene Fantasien. Hopp, wird uns «Heiteres» verordnet, und hopp sind wir beim «Cowboy» Bush, hopp, in der Debatte über das «Alte Europa», hopp, bei den Mängeln im Rentensystem, hopp, bei den Wetterprognosen des «Wolkenschiebers» Kachelmann. Und dann geht’s ab zum Bettballett, der Dichter fühlt sich «gottähnlich» verjüngt, braucht aber eine lange Anlaufzeit, um in Schwung zu kommen. Auf Seite 62 ist der Spätsünder endlich so weit. Unter «Ein Wunder» lesen wir:

Soeben noch schlaff und abgenutzt
Nach soviel Jahren Gebrauch,
steht er
– was Wunder!
er steht –,
will von dir, mir und dir bestaunt sein,
verlästert und nützlich zugleich.


Bei Grass sind wir im Herbst der Erotik angelangt. Die Ernte (der Nobelpreis) ist eingefahren, die Scheune kann ohne Torschlusspanik geschlossen werden. Was noch kommt, sind Zugaben, Ehrenrunden, Aufbrauchen der Qualiflyer-Punkte. Seine erotischen Gedichte sind einerseits auf die Zeit fixiert, anderseits ebenso chronisch auf die eigene Erektionsfähigkeit – weiter nicht erstaunlich, da beides bedrohlich abnimmt.

«Komm, lieg mir bei, solang mein Einundalles steht», singt Grass, klammert sich, typisch Altherrenerotik, an den Augenblick, dem er etwas Dauer verleihen will. Was danach folgt, mag er sich nicht ausmalen. Totalausfälle, auch Impotenz genannt, sind kein Gegenstand. Anders noch bei Goethe. Wahrlich ein kesser Erotiker bis zuletzt. Das Gedicht «Tagebuch» des 60-Jährigen thematisiert freimütig das Unvermögen des lyrischen Ichs, seine Angebetete vor harte Tatsachen zu stellen. «So ruht ich auch, gefällig sie beschauend, / Noch auf den Meister hoffend und vertrauend.» Vergeblich, der Meister hat sich «abgekühlet». Das jungfräuliche Mädchen schläft ein, «da sie nichts entbehrte», während der impotente Liebhaber sich verwünscht, «von tausend Flüchen mir die Seele kochte».

Die moderne Altherrenerotik dagegen setzt auf Erfolgsmomente. Viagra, Anti-Aging-Programme, Hormonbehandlungen und Multivitamincocktails sorgen dafür, dass die ältere Generation mehr Sex haben dürfte als der werktätige Rest der Bevölkerung. In Heinrich Heines «Französischen Zuständen» erhält eine junge Frau, der ein greiser Lüstling nachstellt, von ihrer Freundin noch den Ratschlag: «Lass ihn nur gewähren, und er wird ausser der Sünde seines bösen Willens auch noch die Schande der Ohnmacht auf sich laden.» Heute wäre so viel Gelassenheit grob fahrlässig. Lassen gut erhaltene Cervelatpromis erst einmal ihre Schmunzelfältchen à la Udo Jürgens oder Roger Schawinski spielen, ist es meist schon zu spät. Florian Illies, Mediensprecher der Dreissigjährigen, mahnt in «Generation Golf zwei», die Alten befänden sich zurzeit «im Stadium eines gefährlichen Selbstbewusstseins». Sie würden «plötzlich zu gefährlichen Konkurrenten um die schönsten jungen Frauen, die sie uns in der Regel, braun gebrannt und charmant parlierend, beim Stehempfang ausspannen».

Zum Relaxen rennen die von der Gnade des späten Testosterons Gesegneten dreimal täglich auf den Grossen Mythen oder radeln während des Ozonalarms um den Zürichsee. Den letzten Rest ihrer überschüssigen Energie werden sie los, indem sie Sachbücher schreiben wie Schawinski «Das Ego-Projekt. Lebenslust bis 100» und, ganz aktuell, Reinhard Mohr «Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden». Früher schwor sich der Spiegel-Feuilletonist Mohr, nie einer dieser spiessigen alten Säcke zu werden, die ein Auge auf Frauen werfen, «welche, rein biologisch, ihre Töchter sein könnten». Inzwischen ist die Fleischwerdung des alten Sacks bei ihm ebenfalls fortgeschritten. Zunächst hoffte er noch, die Entwicklung verlaufe wenigstens nicht «so platt, so konventionell, so ganz ohne transzendente Alternative». Aber er ist auch nur ein Mann. Und dieser Befund ist ihm ein Buch wert.

Wo es nur noch Schawinskis statt Senioren gibt, dürfen auch die Schriftsteller sich keine Blössen erlauben. Und doch geben sie uns zu verstehen, wie sehr ihnen Körperkult und Jugendwahn widerstrebt – am radikalsten wiederum Adolf Muschg, und zwar in seinem neuen Band mit Liebesgeschichten. Er verweigert sich einem jämmerlich reduzierten Erotikideal von Herren gereiften Alters, die nur auf junge Röcke reagieren. Muschg denkt auch an die Schwerstkranken und Behinderten. In der ersten Geschichte ist ein Mann seit dem Französischunterricht von seiner Lehrerin besessen, die eine Beinprothese hat und später, als er ihr wieder begegnet, im Rollstuhl sitzt und auch nicht mehr reden kann, was aber seine Fantasien in keiner Weise amputiert. Er begehrt seine «zerstörte Nymphe» wie eh und je («Ich sah den Beinstumpf auf dem schwarzen Leder liegen...»). In der zweiten Geschichte fährt ein älteres Ehepaar nach dem entscheidenden Arzttermin heim. Sie leidet an einem schlimmen Krebs. Er parkiert etwas abseits und «hob sie über die Gangschaltung halb auf seinen Schoss, fühlte einen Stich im Rücken und erschrak zugleich über die Leichtigkeit ihres Gewichts». Schliesslich sagt sie: «Autosex ist schön.» Der Krebs wütet auch in der dritten Geschichte. Hier fällt der Satz: «Wenn du richtig vögelst, kriegst du keinen Krebs!», und wird selbstverständlich widerlegt.

Adolf Muschg wirkt so kerngesund und ausgeglichen, und für sein Alter ist er noch beneidenswert aktiv, doch kein anderer deutschsprachiger Schriftsteller stellt seine Krebsängste so verzweifelt aus. Es ist wohl so, dass ihn die Krankheit literarisch erotisiert. Eine unheimliche Verehrerin, er möchte sie sich vom Leib halten, und gleichzeitig macht sie ihn stets von neuem an. Eine Amour fou, die Muschg sinnlicher zu beschreiben versteht als normale Bettgeschichten zwischen Mann und Frau.

Vor lauter Redseligkeit keine Erotik

Die Altherrenerotik braucht den ultimativen Kick, den Geruch von Endstadium, das elegische Aroma. Sex wird stets so dargestellt, dass es das letzte Mal sein könnte. Und dazu steht nur scheinbar im Widerspruch, dass ausgiebig in die Pubertät zurückgeblendet und der ersten Male gedacht wird. Der Altherrenerotik sind nur die intensivsten Erfahrungen gut genug. Die Autoren erinnern uns gern und oft daran, dass Orgasmus auf Französisch «la petite mort» heisst. Man muss etwas Verständnis für sie aufbringen. Das Leben droht sich zu verflüchtigen, sie wollen es in seiner Ursprünglichkeit festhalten. Süss und konzentriert wie Wein aus der Spätlese.

Anfällig für Altherrenerotik sind vorwiegend die Connaisseurs unter den Künstlern, die an Lesungen und Vernissagen noch manch viel versprechendes Lächeln und Augenleuchten auffangen und sich einiges darauf einbilden. «Der Blick dieses seine Brüste zelebrierenden Mädchens», lesen wir in Martin Walsers neuem Werk «Messmers Reisen», «und andauernd zieht sie das rutschende Leinenkleid über die sich sträubenden Hügel. Sie schaut einen an, als wisse sie, was man, wenn man sie anschaut, denkt. Dabei – das weiss man sicher – weiss sie das nicht.»

Altherrenerotik verrät selten alles, aber doch tendenziell zu viel. Es ist kein Zufall, dass ihre Produzenten häufig manische Vielschreiber sind. So wie freilich Übergewicht die häufigste Ursache für Erektionsprobleme ist, erdrücken zu viele Worte jede Erotik. Anders formuliert: Altherrenerotik ist, wenn ein sehr redseliger Autor oben liegt und die Erotik keine Luft mehr bekommt. Besonders Walser eilt der Ruf voraus, ein schlechter Schweiger mit ausgeprägtem Geschlechtstrieb zu sein. Auch die Figuren in seinen Büchern hören sich überaus gern reden. Reden sie dann im Duett wie die Professoren in «Messmers Reisen», gibt es manchmal kein Halten mehr: Der Kollege gesteht Messmer, er lasse Frauen auf sich urinieren. «Der einzige Unterschied zwischen Männern, sagt er, sei: solche, die auf Frauen seichen wollen, und solche, die Frauen auf sich seichen lassen wollen. Messmer spürte, dass es überhaupt nicht darauf ankam, solche Männer von solchen zu unterscheiden, der Professor musste etwas aussprechen, was Messmer nie vor anderen aussprechen würde, und das wusste der Professor: es ging nur darum, Messmer spüren zu lassen, wie verklemmt beziehungsweise kleinbürgerlich er sei.»

Kursierende Gerüchte

Es ist anzunehmen, dass in der Altherrenerotik auch reale Begebenheiten sublimiert werden. Bei Walser gehen das Erotische und die literarische Nachwuchsförderung zuweilen ineinander über. Jüngstes Beispiel: der kürzlich erschienene Erstling «Bleibtreu» von Martina Zöllner. Es ist der Roman über eine Geliebte, die ihr Verhältnis zu einem Mann namens Bleibtreu ausbreitet. Wie ein offenes Geheimnis kursiert das Gerücht, die junge Autorin ordne in dem Buch all die Gedanken, die ihr jeweils durch den Kopf gingen, wenn sie in einem Hotelzimmer wieder einmal auf Walser wartete, die vielen Ausflüchte und Beschwichtigungen, die sie vorgesetzt bekam, aber auch die intimen Momente zu zweit. Bleibtreu ist im Roman ein berühmter Philosoph, aber sobald er den Mund aufmacht, glaubt man den Schriftsteller W. zu hören. Zöllner schildert, wie die Geliebte ihren Philosophen zu einem Buch mit dem Arbeitstitel «Das Näheprojekt» animiert, das «gefühls- und sprachgenau» von Liebe und Sexualität in Beziehungen mit markantem Altersunterschied handeln soll (samt GV-, das heisst Geschlechtsverkehr-Statistik). In «Messmers Reisen» von Walser ist zwar nur einmal von GV die Rede, doch aus gut unterrichteter Quelle verlautet, Walser stecke bereits wieder mitten in einem Liebesroman, der sich auch als gefühls- und sprachgenaues Näheprojekt bezeichnen lasse. Der Autor und seine mutmassliche Geliebte scheinen sich in Realität und Fiktion gegenseitig überbieten zu wollen – eine Art «work in progress».

Rücksichtnahmen lohnen sich von einem gewissen Alter an nicht mehr, schon gar nicht in der Literatur. Nimmt ausserdem die schreiberische Inkontinenz zu, ist es oft um des Sängers Höflichkeit geschehen. In diesem Stadium wirkt sich dann nicht einmal der Umstand hemmend aus, dass erwiesenermassen mehrheitlich Frauen Belletristik lesen. Sitzt er am Schreibtisch, ist der alternde Dichter vornehmlich mit sich beschäftigt. Es ist hart, noch reizvolle Herausforderungen zu finden, wenn man über beinahe alles schon geschrieben hat. Da schweift man literarisch immer gern zur Sexualität ab, die sich vielleicht noch ein Stückchen weiter befreien lässt. Und wo sonst lässt sich die eigene Hinfälligkeit besser verdrängen? Walsers Erzähler zelebriert seinen Triumph des Wollens: «Er will jetzt keine Frau, aber er will, dass er eine will. Das will er so sehr, wie er vorher eine wollte. Die Sehnsucht nach dem Bedürfnis ist so heftig wie vorher die Sehnsucht nach der Frau.»

Leider ist es wie bei den harten Drogen: Wer mit dem erotischen Stoff hantiert, muss damit rechnen, dass er von der Kritik penibel gefilzt wird. Nirgends ist die Absturzgefahr grösser als bei der Sexdarstellung. Jetzt könnte ein Schlauberger einwenden, unsere etwas frivole Untersuchung mache es sich zu leicht: Habe ein Autor einfach das Pech, älter zu sein, landeten seine einschlägigen Versuche zwangsläufig im Spucknapf der Altherrenerotik. In dem Fall würde auch Nabokovs «Lolita» kein anderes Verdikt verdienen. Mit Verlaub, so einfach ist es nicht. Altherrenerotik ist, wenn uns ein Werk weniger bezirzt, als dass uns sein Verfasser ernsthaft zu denken gibt. Wir stellen uns dann nicht nur den beschriebenen erotischen Akt vor, so gewagt er sein mag, sondern zugleich den Schnauz, die buschigen Brauen, die Pfeife im Mund des jeweiligen Autors.

Wenn Paul Nizon träumt, dass ihm ein «sehr sanftes und tadellos aufgemachtes Mädchen» auf irgendeine Frage antwortet: «‹Gerne, Herr Nizon, aber nur unter der Bedingung, dass ich Ihren Penis schlecken darf›, sagt’s und nimmt mit ihren herrlichen Händen mit den schön gelackten Nägeln meinen Penis und führt ihn zart zum Mund» – wenn Nizon dergestalt träumt, beschäftigt uns eher der Dichter als das sanfte Mädchen. Und nimmt Simenon den Mund voll und erzählt, er habe mit 10 000 Frauen geschlafen, «weil ich die Wahrheit erfahren wollte», muss uns der Autor mehr kümmern als die Zahl seiner Eroberungen.

Anders bei Nabokov: «Lolita» fesselt uns dermassen, dass wir keine Sekunde an ihren Erfinder oder gar an sein Alter verlieren. Ähnlich geht es uns bei den besseren Büchern von Philip Roth, John Updike, Milan Kundera, Peter Rühmkorf (den sein Witz rettet) oder bei Louis Begleys soeben auf Deutsch erschienenem Roman «Schiffbruch».

Bei Botho Strauss und seinem neuen Buch «Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich» winkt uns hingegen immer wieder der Patentinhaber des «anschwellenden Bockgesangs» zu. Wir lernen, ein «Erotiker in seinen späteren Jahren» sei das Gegenteil eines Mannes, der «mehr Geltungstrieb als Trieb» besitze. «Sein ganzer Wille ist nicht auf Willkür und Freizügigkeit gerichtet, sondern ausschliesslich darauf, gefangen genommen zu werden. Ein Erotiker kann viel entbehren, aber hin und wieder muss er in den Sturm der Berührung geraten, in das ganz Nahe einer vollkommenen Fremden...» Strauss bringt Beispiele, etwa jene Fremde, die jeden Morgen «in der Frühsonne niederhockte und defäzierte. Die Fersen hatte sie angehoben, das bisschen Kleid über die Hüfte gerafft, die Schenkel geweitet, und so liess sie ihre Fäulnis ab, die in der geraden Form eines Phallus austrat.»

Wir können uns nur wiederholen: Altherrenerotik ist, wenn der Schuss hinten hinausgeht.

Günter Grass: Letzte Tänze. Gedichte und Bilder.
Steidl. 96 S., Fr. 58.80
Adolf Muschg: Gehen kann ich allein und andere Liebesgeschichten.
Suhrkamp. 148 S., Fr. 31.20
Botho Strauss: Die Nacht mit Alice, als Julia ums Haus schlich.
Hanser. 150 S., Fr. 31.20
Martin Walser: Messmers Reisen.
Suhrkamp. 191 S., Fr. 31.20
Martina Zöllner: Bleibtreu. Roman.
DuMont. 374 S., Fr. 33.90
Reinhard Mohr: Generation Z oder Von der Zumutung, älter zu werden.
Argon. 222 S., Fr. 30.70


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