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Armin Elhardt

Dichtung und Krankheit

Viel hätte nicht gefehlt, und Mörike wäre als Adalbert Stifter geboren worden. Das Schicksal schenkte ihn aber der Familie eines schwäbischen Amtsarztes und bestimmte Eduard zum Pfarrer, Dichter und Leidgeprüften. Ein Jahr später war dann Stifter dran.

Irgendwie hängt ja alles mit allem zusammen, doch schon dem jungen Mörike gefiel das mit dem Dichten am besten. Zumal sich eine sonderschöne Vagabundin mit seiner Liebe allein nicht zufriedengab. Halb lief sie weg, halb stieß er sie... Aber je weiter Maria Meyer zog, desto tiefer trat sie als Peregrina ins Werk. Sela.

Mörike plagten noch ganz andre Übel, so Kanzelangst, Predigtscheu und lähmende Gesangbuchzwänge. Im Pfarramt verspürte er selten so richtig Hunger auf Arbeit - als Appetithemmer erwies sich neben der Poesie eine chronische Maladität. Ziel seiner Karriere war ihm daher stets der frühe Ruhestand. Diesen strebte er zeitig an auf seinem Passionszug durch die Pfarreien, begleitet von Fantasie und Klarsicht, Todesgedanken und Leidenschaft.

Nach einer gelungenen Entlobung führte ihn die Fantasie in Peregrinas Land Orplid, die Klarsicht dagegen zu Mutter und Schwester nach Cleversulzbach. Heftige Anfälle von Empfindsamkeit und Schreibfieber hatten den 39jährigen endlich freigesetzt von Amts- und Ehepflichten. Mit der Anmut einer Schnecke, dem Gemüt eines sterilen Haus-Yaks und 280 Gulden Jahrespension schob er sich über das Geröll des Alltags, um sich herum die Probleme der Zeit, in sich die Spannung zwischen Leben und Kunst. Stifter ging's inzwischen ähnlich. Nur Mörike blieb zum Ausgleich der Schwermut eine gute Portion Humor. Kleinere Dosen in Selbstmedikation künden von Morgenstern und Ringelnatz.

In Zeiten reduzierter Krankheitsschübe übte er sich im Erhaschen von Citronenfaltern, oder er blies - unterm Absummen einer Melodie aus Don Giovanni - einer Pusteblume die Schirmchen vom Stengel. Einmal beschloß er in einer Schnaufpause, der Begründer des Dinggedichts zu werden, nein, sein, doch: werden. Nun besang er die Deckenlampe, die Windharfe, den Turmhahn. Schön, so schön war die Zeit, das Leben lautlos intensiv, und Eduard schrieb in Dur und Moll.

Wenn ihm aber die Seele ein Lied von Peregrina pfiff, brach Leidenschaft aus jedem Ton. Dann wurde er zum Feuerreiter, Mummelgeist, Okkultisten, Hutzelmann, und aalglatte Reimfrivolitäten passierten wie von selbst. Wilhelm Hartlaub, Mörikes Urfreund, stand auf sowas. Und da der Frühling heute einzog, hatte er zur Soiree geladen: Mörike las Mörike - das gesellschaftliche Ereignis der Saison.

Die erste Halbzeit war schon gelaufen, der Abend lau, die Stimmung prächtig und Mörike halbwegs genesen. Am Stehpult beim offnen Fenster erreichte ihn kräftiger Beifall für die Prosa aus "Maler Nolten", Bravobravo fürs "Mozart"-Fragment. Vorbei die Bedenken des kranken Dichters; dabei war die Lesung mehr als fraglich gewesen. Die Nacht zuvor hatte er zwar gut geträumt, aber schlecht geschlafen: Meyers Maria war ihm als Eva erschienen und hatte ihm rosige Äpfel serviert: Da war er aufgewacht, barfuß in die Küche getappt und hatte vom Apfelmus seiner Schwester genascht. Morgens im Bett dann: Gliederschmerzen, kalter Schweiß, Achselnässe, Halitosis, Haarweh auch, doch schlimmer war die laufende Nase. Praktisch verdankte er den Frauen einen Schnupfen, der die Lesung zu vereiteln drohte. Dem hergeeilten Wilhelm stand 's Wasser in den Augen.

Der Kranke gab gläserne Laute von sich: "Ach, netze mit Tränen..."

Doch der Angesprochene unterbrach: "Laß das jetzt, Eduard, bitte! - Du mußt, hörst du, Eduard, du mußt einfach lesen. Ich bin erledigt sonst, geächtet, ruiniert, Mensch, am A... -!"

Und er, Mörike? Hatte genickt; unter Schmerzen.

Er sah nun an sich hinab. Sein Körper mußte einfach kräftiger werden. Was stand vor kurzem im Schwäbischen Intelligenzblatt? Im sportlichen England hatten Studenten ein tolles Ballspiel erfunden und nach ihrer Heimatstadt benannt. Das wär' doch was für ihn! Ah ja, die Stadt hieß Rugby. Noch ein Schluck vom Roten, der tut gut, dann das Gegenteil.

Seine Rückkehr vom Örtchen beendete die Pause. Hartlaub wollte das Fenster schließen, doch Mörike winkte ab. Es reiche, wenn seine Nase zu sei.

"Mir ist seit jeher, nieber Winhem, die frische Nuft ein guter Freund." Wie zur Bestätigung wellte ein Wind durch die zartblaue Baumwollgardine. Aus der Gästerunde hüpfte ein Zuruf ans Pult, weitere sprangen nach: "Ein Frühlingsgedicht!" - "Au ja!" - "Gewiß, der Lenz ist da!" - "Er ist's!" - "Auf geht's, Eduard!"

Dem stieg gerade ein Kitzel in die Nase. Und während die eine Hand mit dem Manuskript Zustimmung wedelte, fingerte die andre in der Rocktasche nach dem Schnupftuch. Neue Lyrik also; im Zwielicht schimmerte das schwarze Letternspalier seiner Stahlfeder kaum; eigentlich gar nicht.

"Frühning näßt sein bnaues Band -"

Da entlud sich ein gewaltiger Nieser in den blitzhaft vor die Nase gezückten Stoff - o zwingender Moment der Andacht - schwebte da nicht Peregrina? Grüße aus Orplid! - Er schlug die Augen auf: staunende Gesichter. Gelassen stieg er wieder ins Gedicht, bügelte die Zäsur mit glattem Zeilensprung und hatte nur etwas Mühe, nebenbei das Nastuch an seinem Platz zu verstauen. Die Schlußverse kamen ungenäselt: "Frühling, ja, du bist's! Dich hab' ich vernommen."

Kaum waren sie verklungen, freute sich jede Hand, daß sie zum Applaus gebraucht wurde. Ein glücklicher Hartlaub flog ihm entgegen: "Dank, Dank! Einsame Klasse: Mörike vom besten. Goethe könnt's nicht besser! Aber, Eduard" - hier reichte er Mörike ein Taschentuch - "wenn du wieder niesen mußt: Bitte nicht in den Vorhang!" und zog ihm den Gardinenzipfel aus der Tasche.

Text aus:
Armin Elhardt, Das Blinzeln des Abendsterns.
Prosa, © Alkyon Verlag, Weissach i.T. 1996.
ISBN 3-926541-62-8


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