Robert Gernhardt wird 65 zurueck home weiter

Da gibt's nichts zu deuteln:

Wer 1937 das Licht dieser Welt erblickt hat, der wird dieses Jahr 65. Punkt. Da macht auch Robert Gernhardt keine Ausnahme.

Herzlichen Glückwunsch!

Hier spricht zunächst der Dichter selbst. Das älterwerden hat ihn stets beschäftigt. Auch da macht er im Prinzip keine Ausnahme, mit der einen Ausnahme, dass er's eben formuliert...

Wie schön dass es Herrn Gernhardt gibt!
(aus "Hier spricht der Dichter"*))

"Wer un- oder überpersönliche Schreib- oder Redeweisen nachmacht, oder verfälscht oder nachgemachte oder verfälschte un- oder überpersönliche Schreib- und Redeweisen in Umlauf setzt, wird mit Lust-, manchmal auch mit Erkenntnisgewinn belohnt; und wenn alles gut geht, fällt davon sogar etwas für den Leser ab."

*) Die Verfälschung ist rot gekennzeichet (R. Schmitz)

... Der aus dem Nichts aufgebrochen war, zieht zwar immer noch ins Nichts, wie vor dreißig Jahren, doch wenn er zurückschaut, ist da nicht mehr nichts. Und das ist immerhin schon was."

aus "Das Tagebuch"

Als er sich mit vierzig im Spiegel sah

Seht mich an: der Fuß der Zeit
trat mir meine Wangen breit.
Schaut mein Ohr! Die vielen Jahre
drehten es in's Sonderbare!
Ach des Kinns! Es scheint zu fliehn,
will die Lippen nach sich ziehn!
Ach der Stirn! Die vielen Falten
drohen mir den Kopf zu spalten!
Die Nase! Oh, wie vorgezogen!
Der Mund! So seltsam eingebogen!
Der Hals! So krumm! Die Haut! So rot!
Das Haar! So stumpf! Das Fleisch! So tot!
Nur die Augen lidumrändert,
strahlen blau und unverändert,
schauen forschend, klar und mild
auf's und aus dem Spiegelbild,
leuchten wie zwei Edelsteine -
Sind das überhaupt noch meine?

aus "Wörtersee"

Der Deutsche

Als er auf die Fünfzig zuging,
da wollte er verwegen aussehen.
Da ließ er sich die Haare wachsen
und einen Bart stehn.

Da fiel ihm der Deutsche ein,
damals in Patras,
der mit der Kleinen
vor diesem Café saß.

Der war so gegen Fünfzig gewesen
und hatte sehr verwegen ausgeschaut,
und die Kleine an seiner Seite
war nicht die Tochter, sondern die Braut.

Das war vor gut zwanzig Jahren.
Er war damals dreißig.
Und was er beim Anblick der beiden dachte,
weiß ich:

So will ich mal nicht ausschaun.
Nicht diese Kettchen.
Nicht dieses Struwwelhaar und
an der Seite nicht so ein Frettchen.

Nicht dieser sieghafte Bart.
Nicht dieses Vergreisen,
das wehrlos alternd versucht,
sein Jungbleiben zu beweisen.

Nun, da er auf die Fünfzig zugeht,
will er verwegen aussehen.
Er läßt sich die Haaree wachsen
und einen Bart stehen.

aus "Körper in Cafés"

W. auf die Frage, wie es denn so sei als 50jähriger: »Ich fühle mich überhaupt nicht so. Nicht als 50jähriger jedenfalls. Anders.«
»Jünger?«
»Ja, sicher.«
Es liegt wohl in der Natur der Sache, daß man sich desto jünger fühlt, je älter man wird. Vom Burschi zum Bubi - und wenn dann schließlich Freund Hein seine Sanduhr schwingt, ruft man entgeistert: »Jetzt holen sie schon die Kinder!«

aus "Das Tagebuch"

Gespräch des Geschöpfs mit dem Schöpfer

»Schier sechzig Jahr auf deiner Welt –
bekomme ich jetzt Schmerzensgeld?«
»Mein Kind, mir geht dein Wunsch zu Herzen:
Geld hab ich keines. Doch kriegst du Schmerzen!«


So. Nun sind es 65 und der Kommentar wird nicht ausbleiben vom Jubilar. Das kann als gesichert gelten.
Wie gesagt: So. Und zum Geburtstag gibt's dann mehr...

Aber meine Frage muss ich noch los werden:

»Sie hoisset net zufellich Arnold?« -?...?- »Hau ne mr glei dengt...«

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